Projekt "Heimat, Fremde - globale Welt"

Ein Projekt des Trialog der Kulturen-Schulenwettbewerbes der

Stationen des Weges
Nach über einem Jahr inhaltlicher und organisatorischer Vorbereitungen ging es am Sonntag, dem 24. Oktober 2010 über Luxemburg nach Frankreich in die Stadt Orleans, wo eine Zwischenübernachtung stattfand. Weitere 24 Stunden später erreichte die Klasse 8S3 der August-Bebel-Gesamtschule St. Jean Pied de Port, welches auf der französischen Seite der Pyrenäen den Ausgangspunkt für viele Pilger bildet. Nachdem die Schülerinnen und Schüler an der Port d`Espagne feierlich ihre an jedem Wanderstandort zu stempelnden Pilgerausweise erhalten hatten, überquerte der Gimmlerbus die Grenze zu Spanien, um den Wanderern an der Stiftskirche von Roncesvalles einen Stempel zukommen zu lassen.
Von der wunderschönen Albergue El Palo de Avellano in Zubiri begab man sich am Dienstagmorgen mit Rucksack und Verpflegungsgeld auf die erste größere Wanderetappe, die -begleitet von streunenden Hunden- durch eine wunderschöne Herbstlandschaft über die Puente de los Bandidos (Räuberbrücke) nach Larrasoana führte. Dort nahm der Bus die jungen Pilger auf und brachte sie nach Pamplona zur Stierkampfarena und zu einer Skulptur in der Fußgängerzone, die sich einige Jugendliche als Toreros zu Eigen machten.

Wetzlarer Toreros
Spanische Mandelernte

Die Albergue des Hotels „Jakue" in Puente de la Reina erfreute die Gruppe mit einem reichhaltigen Menü in einem fein gedeckten Speiseraum. Zuvor wurde allerdings noch die Stadt besichtigt, denn hier treffen sich verschiedene Jakobswege und schon Karl der Große ruhte sich dort nach der Schlacht um das Pamplonabecken aus.
Über die mittelalterliche romanische Brücke ging die Wanderung am nächsten Tag bis nach Villatuerta, wo die Gruppe sich durch den Genuss der frischen Mandeln stärken konnte.

 

Das auf einer Anhöhe gelegene Kloster Nuestra Senora la Real de Irache begeisterte durch die zwei frei zugänglichen Wasserhähne, die kostenlos Wein und Wasser spendeten.

Mit dem Bus kamen die Peregrinos nach Burgos, welches als größere Stadt endlich die Möglichkeit zum Erwerb von Souvenirs bot. Der lange ereignisreiche Tag endete in der Albergue Superior „Granja Escuela" in Arlanzon. Nach dem Abendessen interpretierten die Schüler Textpassagen aus Talmud, Koran und Bibel, außerdem beantworteten sie schriftlich eine Frage zu der individuellen Befindlichkeit in einem Land, dessen Sprache man nicht spricht und dessen Gewohnheiten man nicht wirklich kennt. Den Abschluss bildeten die täglichen Tagebucheintragungen. Am Freitagmorgen fiel der Aufbruch sehr schwer, denn auf dem Gelände befanden sich zahlreiche „Streicheltiere" wie Hundewelpen, Esel, Schafe, Ziegen und ein Schwein. Verständlich, dass so manches Stadtkind sich hier kaum lösen konnte.

Das anstrengende Durchwandern der gleichförmigen Mesetaebene wurde unterbrochen durch die Besichtigung der wenigen noch vorhandenen in die Hügel eingebauten menschlichen Behausungen. Vom Bus aufgenommen und nach Astorga gebracht, bestaunten alle den neugotischen Bischofspalast, der von Antonio Gaudi zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut wurde. Die Kontakte der Bebels zu einheimischen Schülern bereicherten den Tag.

Vor dem Aufbruch zum Cruz de Ferro am Freitag, dem 29.10.2010 erhielt die 8S3 ein Riesenlob von einer holländischen Pilgerin, die schon seit Mai unterwegs war. Sie habe noch nie eine Schülergruppe erlebt, die sich derartig positiv in Bezug auf Höflichkeit und Tischmanieren gezeigt habe. Auch die sehr warmherzige ältere Senora Pilar, bei der man übernachtet hatte, sagte, es seien schon viele Jugendliche bei ihr gewesen, keine jedoch so angenehm wie diese.
Die morgendliche Wanderung führte teilweise steil bergauf durch eine Landschaft mit bunt gefärbten Blättern und Sträuchern. Bei Nebelschwaden, die, wie plötzlich abgeschnitten, von einem zauberhaften Licht abgelöst wurden, begleiteten mehrere Regenbögen die Wanderer zum verlassenen Ort Foncebadon, an dem - laut Hape Kerkeling - angeblich nur noch wilde Hunde leben.
Nach einer kurzen Rast ging es weiter zum Eisenkreuz, wo viele Pilger den von zu Hause mitgebrachten „Sorgenstein" ablegen, um dann befreit Santiago erreichen zu können.

Nebel beim Ablegen des „Sorgensteins“ am Cruz de Ferro
In Gedanken versunken

Neun Schülerinnen und Schüler zogen mit Herrn Schuldes weiter zu einer ehemaligen Templerburg, die nur noch als Ruine existiert. Die anderen trafen ihren „Verfolger" wieder: Einen kleinen Japaner, der, wann immer er die Jugendlichen sah, in freudiges Gelächter ausbrach und ständig die Schüler fotografierte.
Den besonderen Fahrkünsten der Fahrerin war es zu verdanken, dass der Bus die enge Ortsdurchfahrt ohne Beschädigung überstand und danach O Cebreiro, welches auf 1400 Höhenmetern liegt, erreichte. Mit dem Übertritt nach Galicien änderte sich das herrliche Wetter, so dass die traumhafte Landschaft hinter Nebel und Regen verborgen blieb.
In den späten Nachmittagsstunden kam die Klasse in Pedrouzo an. Abends speiste man im edlen O Acivro-Restaurant, wo alle gleichermaßen begeistert vom Essen und Ambiente waren.

Exakt zum Mittagsläuten erreichten die Wetzlarer Bebelschüler am Samstag die imposante Kathedrale von Santiago de Compostela. Schüler und Betreuer umarmten und beglückwünschten sich zu diesem Erfolg. Im Pilgerbüro wurden alle namentlich erfasst und zum Gottesdienst am Sonntag eingeladen. Für eine zweistündige Stadtbesichtigung bildeten sich Kleingruppen, denn angesichts der Menschenmassen, die sich wegen des bevorstehenden Papstbesuchs in der Stadt aufhielten, wäre ein gemeinsames Durchlaufen nicht möglich gewesen.

Zwei Männer am Ende der Welt

Da es am Sonntag noch immer wie aus Eimern schüttete, wurde kurzerhand beschlossen, das vorgesehene Programm zu ändern. Mit dem Bus fuhr die Klasse zum etwa 80 Kilometer entfernten Cap Finisterre, von dem man in früheren Jahrhunderten glaubte, dort sei die Welt zu Ende. Bei spektakulärem Wellengang und sehr hohen Windgeschwindigkeiten waren alle Teilnehmer gleichermaßen vom Atlantik fasziniert. Ein Strandspaziergang in einer nahe gelegenen geschützten Bucht beendete den Ausflug.

Gruppenbild mit Wellengang
Freiheitsgefühl im Sturm

Am Abend erlebte die Gruppe den Pilgergottesdienst in der gewaltigen Kathedrale. Die Gedanken an die Heimkehr von dieser ungewöhnlichen Klassenreise rückten immer näher und mit einem weinenden und einem lachenden Auge wurden abends im Seminario Menor die Koffer gepackt.
Nach einem Zwischenstopp auf dem Flughafen von Bilbao, wohin man den zweiten Busfahrer hatte einfliegen lassen, und der Außenbesichtigung des unglaublich beeindruckenden Guggenheim-Museums ging es nach San Sebastian zur letzten Übernachtung. Dienstagnacht nahmen glückliche Eltern und erschöpfte Jugendliche sich auf dem Parkplatz der August-Bebel-Gesamtschule in Empfang.

Bericht der Klassenlehrerin Anne Nerger

„Du findest den Weg nur, wenn du dich auf den Weg machst". (Maria Ward)

Der Jakobsweg durch Nordspanien war ein großer Erfolg auf allen Ebenen. Die von mir entwickelten vier Zielsäulen (A. Wissenserwerb in allen schulischen Fachbereichen,
B. Soziale Kompetenzen und Integration, C. Berufsorientierung, D. Gesundheitsförderung) wurden vollständig umgesetzt. Dank der Unterstützung der Schnitzler Verlags- und Kinne Beteiligungs- GmbH, die den Druck von 1000 Flyern zum Vorhaben ermöglicht hatte, gelang es innerhalb eines Jahres die nicht unerheblichen Kosten über Spender, Sponsoren und Eltern zusammenzubringen. Ein großer Dank an alle, die sich neben der Herbert Quandt-Stiftung beteiligt haben, aber nicht in den Medien genannt werden möchten. Die katholische Kirche beteiligte sich mit einem vierstelligen Betrag, Stadt- und Kreisverwaltung unterstützten uns im Rahmen ihrer Möglichkeiten ebenso. Auch kleine Beträge von vielen Privatpersonen und der evangelischen Kirche summierten sich und halfen bei der Umsetzung des Projektes. Nicht zuletzt möchte ich mich bei meinem Schulleiter, Herrn Wegerle, bedanken; ohne seine Ermutigung und das mir entgegengebrachte Vertrauen hätte das Vorhaben nicht realisiert werden können.
Während der Vorbereitungen wurde ich immer wieder gefragt, was denn die Motivation für eine derartig aufwändige Klassenreise sei. Meine Überzeugung ist, dass man Schülern etwas zutrauen muss, dass sie gefördert und gefordert werden müssen, damit sie heranwachsen können. Gerade in der schwierigen Pubertätsphase, in der alles andere wichtiger ist als die Schule, sollten seitens der Bildungseinrichtungen Angebote gemacht werden, die neben den geistigen Aufgaben einen Schwerpunkt auf sinnvolle Energieumwandlung durch körperliche Anstrengung legen. Demokratisch geführte Schülerkonferenzen zu Streitthemen, die zwangsläufig auftreten, wenn eine größere Gruppe über einen längeren Zeitraum eng zusammenlebt, bringen die Jugendlichen in ihrer Entwicklung bezüglich einer toleranten und rücksichtsvollen Haltung weit voran. Natürlich muss in diesem Alter ein strenges Reglement seitens der Betreuer geführt werden. Dies schließt allerdings keineswegs aus, dass auch Pädagogen den Heranwachsenden mit Achtung und Respekt begegnen, angesichts der verschiedenen Anforderungen wie das tägliche anstrengende Wandern, sich immer wieder auf andere Schlafbedingungen einstellen, einen bestimmten Geldbetrag für Essen und Trinken einteilen, fast immer drei schriftliche Aufgaben pro Tag bearbeiten und einiges mehr.

Schülerzitat zu der Frage: Wenn ich mein Land verlassen müsste
„Wenn ich Deutschland verlassen müsste und alleine in ein anderes Land gehen müsste, würde ich mich sehr schlecht fühlen, weil ich alleine bin, ohne Familie oder Freunde. Und ich glaube kaum, dass ich mich jemals daran gewöhnen würde. Ich hätte Angst ohne meine Eltern und würde nicht mal schlafen können. Ich würde mich nicht mal mit den Menschen verständigen können, weil ich die Sprache nicht kann. Ich bin in Deutschland aufgewachsen und dann auf einmal alles zu verlassen ist sehr schwer, ich würde mich sehr traurig fühlen und es ginge mir sehr dreckig dabei."

Bei einzelnen Schülern hatte ich das Gefühl, dass ein Vorhang beiseite geschoben wurde, denn sie waren plötzlich sehr viel kommunikativer als jemals zuvor in der Schule. Hierbei spielt zweifelsohne der Verzicht auf Computer und Fernsehgeräte eine große Rolle. Schüchterne Mädchen, die bisher kaum am mündlichen Unterricht teilgenommen hatten, richteten sich körperlich auf, wurden selbstbewusster und brachten dies auch in ihrer Sprache zum Ausdruck. Schüler, die im Wahlpflichtbereich auf eine zweite Fremdsprache verzichtet hatten, lernten wie nebenbei spanische Vokabeln, um Kontakt zu anderen Pilgern aufnehmen zu können. Für viele Jugendliche wären zwei weitere Wochen ein Segen gewesen. Anderen, die als Einzelkinder aufwachsen, wurde viel abverlangt hinsichtlich der Situationen, in denen Toleranz, Rücksichtnahme und auch mal das „In der zweiten Reihe stehen" von Bedeutung waren.
Ganz besonders anrührend sind die Texte ausgefallen, die die Schüler zu meinen Fragen zum Thema „Fremde" entwickelt haben. Gegenwärtig sind wir gerade dabei, in unserem EDV-Raum an der Übertragung auf den Computer zu arbeiten. Und wie von Zauberhand: Wo früher die Motivation zum korrekten Schreiben kaum spürbar war, wird jetzt permanent nachgefragt, wie dies oder das geschrieben wird. Unbestritten, dass nicht bei jedem Schüler gleichermaßen viel hängen bleibt, aber jedes Klassenmitglied wird in seinem intellektuellen Rahmen einen ungeheuren Zuwachs an Wissen und Erfahrungen haben.

Nur Dank des persönlichen Engagements der drei weiteren Betreuer war bald absehbar, dass der Jakobsweg komplexe Auswirkungen haben würde. Frau Burzel war es zu verdanken, dass weder in Frankreich noch in Spanien Verständigungsschwierigkeiten auftraten. Außerdem hat sie mit ihrer humorvollen warmherzigen Persönlichkeit alle Schüler erreicht. Über einen Elternkontakt kam Frau Hölß ins Betreuerteam. Mit Geduld und Sachkompetenz wendete sie sich den geschundenen Füßen oder auch den vereinzelt auftretenden Bauchschmerzen zu. Oft war sie emotional berührt angesichts so mancher Aussagen und Verhaltensweisen der Jugendlichen. Herr Schuldes, unser guter Hirte, führte uns immer auf dem rechten Weg, hatte ständig Informationen zu Besonderheiten wie Baustilen, Landschaftsbeschaffenheiten und Wegeslegenden parat und wurde damit zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Reise. Nach meiner Wahrnehmung gab es keine einzige Spannung im Team, wenngleich ich sicherlich mindestens an zwei Standorten aus Sicherheitsgründen sehr ängstlich reagierte. Das Bewusstsein, dass die Eltern mir ihr wertvollstes Gut anvertraut hatten, ließ die Last der Hauptverantwortung schon manchmal schwer auf meinen Schultern liegen. Der Wunsch, alle wieder heil nach Hause zu bringen, hat sich -Gott sei Dank- erfüllt.
Ich kann die Verantwortlichen in der Bildungspolitik nur dazu aufrufen, Bedingungen zu schaffen, die außergewöhnliche Projekt möglich machen, denn unser Camino, davon bin ich überzeugt, wird der Klasse unvergesslich sein. Wer diesen Weg geschafft hat, ist gestärkt für die zahlreichen Hürden (Schulabschlussprüfungen, Übergänge in weiterführende Schulen und/oder Berufsausbildung - Lebensgestaltung), die in den nächsten Jahren genommen werden müssen.
Mit Sicherheit tragen unsere Erlebnisse, Erfahrungen und Ergebnisse dazu bei, dieses Projekt zu einem Internationalen Bildungsprojekt in Kooperation mit anderen europäischen Schulen weiter zu entwickeln.